Black Heaven

 
Das Positive im Negativen?

 



Zillo

(10/2008)

Martin Schindler scheint nichts bremsen zu können. Nicht lange ist es her, dass er mit seinem Dark-Metal-Projekt Sepia das Album "Goodbye Tristesse" veröffentlicht hat, das steht er schon wieder mit einem neuem Black Heaven Album, schlicht "Negativ" betitelt, in den Startlöchern. Der elektronisch fundierte Sound von Black Heaven, schon immer als musikalische Spielwiese des umtriebigen Künstlers angelegt, ist diesmal vielschichtiger denn je - harte Gitarren, Elemente aus Weltmusik und Neoklassik sowie Sprechgesang und dezente Hip-Hop-Einflüsse sorgen dafür, dass sich Black Heaven mittlerweile doch ziemlich stark von anderen Acts auf elektronischer Basis absetzen.

 Der Albumtitel "Negativ" hat eine eindeutige Schwere und wirkt fast wie ein absichtlich gewählter Gegenpol zum Titel des letzten Sepia-Albums. Martin erläutert ihn so: "Mit diesem neuen Black Heaven-Album wollte ich ganz bewusst die Weltanschauung bzw. die Lebenseinstellung in den Mittelpunkt stellen, welche all meine Songs (nicht nur bei diesem Album) zugrunde liegt. Es gibt auch den Titeltrack 'Negativ', der allerdings nur eine bestimmte Seite dieser Einstellung wiedergibt, und zwar die persönliche und ganz konkrete Reflexion auf die direkte Außenwelt, die mich mit ihren zwischenmenschlichen Verwicklungen umgibt. Es ist kein Konzeptalbum und die ganze Tragweite dieser Grundsätzlich negativen Anschauung kann man nicht in so wenigen Songs verarbeiten, aber es soll einen Eindruck vermitteln, worauf ich, vor allem textlich, hinausmöchte." Das ist natürlich starker Tobak, den Martin allerdings etwas relativiert: "Im Grunde meines Wesens bin ich sehr philosophisch ausgerichtet. Ich versuche, die Welt und auch mich selbst aus dieser Perspektive zu betrachten. Das künstlerische in den Songs und den Lyrics ist praktisch Teil meiner Persönlichkeit. Das soll heißen, alles entsteht immer aus einem Wechselspiel zwischen Realität und meiner Gefühls- und Gedankenwelt. Dieses Verhältnis gab es schon, bevor ich anfing, Musik zu machen. Schon in meiner Jugend habe ich Philosophie und eher "schwere" Literatur gelesen, später Germanistik und Philosophie studiert, und dann kam die Musik, in der sich das alles wiederfindet, womit ich mich beschäftige und was meine Art zu denken ausmacht. Meine Lebensphilosophie ist radikal negativ ausgelegt. Das bezieht sich in erster Linie auf die Wahrheiten, die ich glaube erkannt zu haben und von denen ich überzeugt bin, es bezieht sich aber nicht auf die Konsequenzen, die ich daraus schließe. Ich halte nichts von blinder Lebensverneinung und ebenso wenig von rein zweckmäßiger Sinngebung, z.B. um alte Machtstrukturen aufrechtzuerhalten. Im denke, man muss die Dinge im Ursprung erkennen, um mit ihnen entsprechend umgehen zu können." So scheut er sich mit Black Heaven auch nicht, konkrete Missstände anzuprangern, allerdings immer in einem allgemeinen Kontext, wie z.B. in "War Atrocities", eine Auseinandersetzung mit dem leider ewig aktuellem Thema Krieg. "Dieses Stück habe ich mit Absicht textlich abstrakt gelassen, weil es mir dabei um die Grundaussage geht, obwohl ich auch eine ganz andere Version des Textes geschrieben habe. Noch immer gibt es in vielen Teilen der Erde Kriege und kriegerische Auseinandersetzungen, und jeden Tag berichten die Medien von einem kleinen Teil davon. Ich wollte mit diesem Stück nicht auf die Motivationen oder die Hintergründe von Kriegen eingehen, sondern einfach nur klar herausstellen, das Krieg an sich mit das Schlimmste ist, was ein Mensch erleben kann, und man deshalb niemals solche Zustände relativieren sollte. Eines der obersten Ziele der Menschen muss es nach wie vor sein, Krieg zu verhindern."

Musikalisch ist Schindlers neuestes Opus noch vielseitiger ausgefallen als die vorherigen Alben. Martin meint: "Ich habe einen sehr weitläufigen Musikgeschmack, und der reicht von Electro bis zu Metal. Generell mag ich tiefgründige und nachdenkliche Musik, es sollte melodisch sein und meist auch traurig. Zu allem, was zu sachlich oder unpersönlich rüberkommt, bekomme ich keinen Zugang, bzw. es gibt mir weniger, weil Musik für mich in erster Linie Ausdruck von Gefühlen ist." Das erklärt, warum Black Heaven, trotz der schweren Themen und des stark philosophisch geprägten Ansatzes, nicht verkopft wirken, sondern immer auch die Emotionen ansprechen. Martin scheut dabei auch vor in seinem Genre ungewöhnlichen Ansätzen nicht zurück. So trägt er das Titelstück in einen rhythmischen Sprechgesang vor, der fast ein wenig an die intelligenten Vertreter des deutschen Hip-Hops erinnert. Martin lacht: "Ja, natürlich ist das Absicht! Schon auf dem letztem Album, auf dem Song ‚Seelenlos’ fand sich Sprechgesang und eine Instrumentierung, die eher an andere Musikstile erinnert. Ich habe mir diese Arbeitsweise zu eigen gemacht, weil dadurch die Lyrics massiv in den Vordergrund gedrückt werden und die Musik eine große Bandbreiten haben kann: atmosphärisch, vom kämpferisch bis hoffnungslos, aber auch sehr gefühlvoll oder balladesk." Auch arabische Einflüsse ziehen sich sehr dominant durch das Album. "Das Ethnische - und konkret das Arabische - hat für mich einen besonderen Reiz, weil ich finde, das immer eine Art mystisches Flair darin mitschwingt und dass es in Verbindung mit typischen Elementen sehr düster rüberkommen kann. Ich kann mir gut vorstellen, zukünftig noch mehr in dieser Richtung zu machen bzw. noch andere ethnische Elemente mit meiner Musik zu verarbeiten", erklärt er.

Gerade der verstärkte Einsatz der Gitarren rückt Black Heaven auf dem neuen Album bei einigen Songs aber auch näher an Sepia heran. Martin ist sich dessen voll bewusst, findet eine Überschneidung seiner Projekte aber nicht problematisch: " Meistens sind meine Hörer nicht bloß Fans eines meiner Projekte, sondern mögen sie alle. Das sagt sicherlich einiges über die Parallelen in meinem Oeuvre aus. Ich würde auch nie bestreiten, dass es bei den Projekten Parallelen gibt, trotzdem hat sich der Grundsätzliche Stil des jeweiligen Projektes nie verändert. Die Gitarren z.B. gab es bei Black Heaven schon immer, mal mehr, mal weniger in den Vordergrund gemischt. Trotzdem ist das Gerüst der Songs immer elektronisch ausgerüstet."

Das Album selbst wird es auch als limitierte Ausgabe mit einem umfangreichen Multimediateil und drei Bonustracks geben. Martin erläutert: "Die Multimediasektion enthält die drei Bonustracks, eine Fotoserie, Wallpaper und die kompletten Texte des Albums. Sie ist einfach ein schönes Special für die Limited Edition." Live-Aktivitäten zum neuen Album sind bis dato nicht geplant, immerhin ist Black Heaven ja eigentlich als Studioprojekt ausgelegt, aber Martin verschließt sich diesem auch nicht kategorisch. Er lächelt verschmitzt: "Black Heaven war bisher immer ein Studioprojekt, aber wir werden sehen, wo die Reise hingeht…"

 Marty Kasprzak - Zillo Musikmagazin