Black Heaven

Denn eines bleibt:
Die Suche nach der wahren Liebe


ORKUS
(12/2004)

Wieder einmal haben Martin Schindler und Thalia sich neben Mantus auch dem Vergnügen ihrer eher elektronischen Ader hingegeben. Mit Trugbild ist dabei eine Doppelscheibe herausgekommen, welche mit frischen Melodien und neuen Sounds zu überraschen weiß.

Orkus: Es gibt ja ausnehmend viele Fans, die euch gleichzeitig bei Mantus, wie auch bei Black Heaven treu sind, obwohl musikalisch verschiedene Stilbereiche abgedeckt werden. Woraus könnte diese genreübergreifende Bereitschaft, eurer Kunst zu folgen, resultieren?
Martin: Ja, ich finde es auch immer wieder faszinierend, wie viele Leute gleichzeitig beiden Projekten zugetan sind. Aber es gibt natürlich Ähnlichkeiten zwischen diesen Projekten, und da wird dann wohl der Hauptgrund liegen. Wie bei Mantus gibt es auch bei Black Heaven den wechselnden Gesang von Thalia und mir, das Songwriting ist ähnlich eingängig, und letztendlich stammt natürlich alles aus meiner Feder, so dass sich die Stimmungen, und die Gefühle, die wir vermitteln wollen, in beiden Projekten angleichen. Der Hauptunterschied ist und bleibt einfach die unterschiedliche Instrumentierung. Und da wir mit beiden Projekten hauptsächlich "schwarzes" Publikum ansprechen, das rockiger und elektronischer Musik gleichermaßen zugetan ist, können die Leute sich mit beiden Projekten anfreunden.

Orkus: Euer neustes Werk habt ihr Trugbild getauft. Erfolgte die Titelauswahl ausschließlich über das gleichnamige Lied?
Martin: Der Albumtitel gründet schon auf das gleichnamige Stück, und dieses hat eine Thematik, die sehr oft in meinen Songs zu finden ist und immer wiederkehrt. Nämlich die Suche nach der einen, wahren Liebe. Deshalb ist dieser Song mir persönlich wichtig, und so habe ich das ganze Album danach benannt. 

Orkus: Das Lied Zeit muss enden steht dennoch textlich völlig losgelöst Vom Enden der Ära Mantus.
Martin: Den Songtitel habe ich in Anlehnung an das gleichnamige Buch von Aldous Huxley gewählt, und ich habe mich dann auch bewusst für diesen Titel des finalen Albums entschieden. Es ist mal wieder ein mehrdeutiger Text, wie übrigens bei den meisten Mantus-Songs, in denen es um die Liebe geht. Im Prinzip geht es in diesen Songs oft um das Verhältnis von mir zum Leben an sich, das ich sehr gerne personifiziere. Heute sehe ich eben bestimmte Dinge anders, und ich lasse nichts mehr in mein Leben, das mich runterzieht und krank macht.
Thalia: Als mir Martin den Songs das erste Mal vorspielte, war ich wirklich den Tränen nahe, da er mich sehr stark berührt hat. Dieser Song hat es definitiv verdient, dass nach ihm ein ganzes Album benannt ist.

Orkus: Die Musik von Black Heaven hat sich ein wenig verändert. Auf der einen Seite spielen mehr Dark-Wave-Elemente in die aktuelle Platte mit hinein, und von der rein elektronischen Instrumentierung seid ihr weggegangen. Betrachtet ihr das als Erweiterung des Black Heaven-Sounds oder als Bewegen in eine andere Richtung?
Martin: Ich sehe das etwas anders. Im Prinzip sind die Stücke durchweg auf elektronischen Strukturen aufgebaut und auch nach diesem Muster komponiert. Manchmal sind Gitarren zu finden, die ich allerdings nur als Powerchords hin und wieder eingesetzt habe. Und Sachen wie Piano oder Streicher sind für meine Musik unerlässlich und finden sich oft in den Songs. Die neue Platte klingt auch deswegen anders, weil sie in sich geschlossener ist als die Vorgänger. Und sie ist anders produziert. Wir haben den Sound etwas verändert beziehungsweise entwickelt, weil ich mir diesen Spielraum lasse. Vielleicht wird ein kommendes Album wieder ganz anders klingen.

Orkus: Auf der anderen Seite kommen manche Tracks in ziemlich technoid-poppigem Sound daher. Habt ihr euch neuen Einflüssen ergeben?
Martin: Das stimmt, solche Einflüsse sind durchaus zu finden. Ich finde, dass Techno oder Trance nicht zwangsläufig mit schlechter Musik assoziiert werden muss, es kommt eben darauf an, ob man diese Einflüsse nutzen kann, um sie in den eigenen Sound zu integrieren. Und Hauptsache, das Ergebnis ist cool.

Orkus: Hättet ihr ein Problem damit, wenn Black Heaven mit solchen Songs auf MTV/VIVA laufen würde?
Martin (lächelt): Welch eine Vorstellung. Aber nein, damit hätte ich kein Problem, zumal wir uns ja nie bewusst dem kommerziellen Markt zugewandt haben und somit keine Kompromisse eingehen. Der Musikkultur im Fernsehen würde es sicherlich nicht schaden, und vor allem würde Black Heaven um einiges bekannter werden, was ich sehr begrüßen würde. Zudem finde ich eine visuelle Umsetzung von Musik immer eine spannende Sache. Aber solche Überlegungen sind sowieso hinfällig, da es niemanden gibt, der uns ein Video finanzieren würde.

Orkus: In dem Stück Schmerz habt ihr die, ja auch in unserer Szene sehr präsente Thematik des "Ritzens" aufgegriffen.
Martin: Schmerz ist ein äußerst heftiges Stück, sowohl von der Thematik, als auch von der Musik, und vermittelt eine depressive Grundstimmung. Ich finde es immer wieder sehr interessant, wenn Leute mir schreiben, dass es ihnen an schlechten Tagen hilft, diese Art von Songs zu hören, weil es sie wieder hochbringt. Bei mir persönlich ist es eher andersrum: Ich höre mir traurige Musik an, um noch tiefer in mir selbst zu versinken. Als ich den Text zu diesem Song geschrieben habe, war ich innerlich in einer sehr schlechten Verfassung. Es ging mir nicht darum, einen Song über selbstverletzendes Verhalten zu machen, aber zwangsläufig kann man den Text darauf beziehen, da ich die Verbindung herstelle zwischen Physischen Verletzungen und dem Schmerz der Seele beziehungsweise dem gespaltenen Verhältnis zur Realität. Das Ritzen an sich ist eine ernsthafte Problematik. Ich stolpere häufig darüber, wenn ich mir Internetseiten von Mantus-Fans anschaue, und mache mir schon Gedanken darüber. Denn es gibt nicht nur diese 14jährigen HIM-Groupies, die es cool finden, ihre Handgelenke mit Messern zu bearbeiten, sondern auch genügend Leute, die wirklich große psychische Probleme haben.

Orkus: Ihr habt auf der ersten CD noch alternative Versionen von zwei Stücken aufgenommen, unter anderem eben auch von Schmerz. Warum sollten diese Varianten unbedingt mit auf die Platte?
Martin: Zu den Zeiten von End Of The World habe ich angefangen, hin und wieder verschieden Versionen von Black Heaven-Songs zu machen, wenn es mich gereizt hat. Solche alternativen Versionen würden sich eigentlich wunderbar für Single-Auskopplungen eignen. Da wir mit Black Heaven aber keine Singles veröffentlichen, wollte ich sie mit auf dem Album haben, weil ich sie einfach gut finde. Schmerz zum Beispiel wird noch einmal in ein ganz anderes Licht gerückt, so dass das Stück noch verstörender rüberkommt als das Original. Das liegt vor allem daran, dass ich mit psychoakustischen Elementen gearbeitet und einige kranke Sounds verwendet habe. Dazu kommt noch die äußerst zerbrechliche Stimme von Thalia, die den Kontext noch mal richtig unterstreicht.

Orkus: Die zweite neue CD enthält Black Heaven-Bearbeitungen von Mantus-Tracks. Was hat euch an dieser Idee gereizt - ihr habt die Originale ja ganz schön in Eure Komponenten zerlegt.
Martin: Die Idee zu diesem Vorhaben gibt es schon, solange die beiden Projekte bestehen, und es hat mich einiges an Zeit, und auch Überwindung gekostet, diese in die Tat umzusetzen. Ich habe dann einfach mal mit einem Song angefangen, und das Ergebnis war für mich so überzeugend, dass ich mir vorstellen konnte, eine ganze CD mit bearbeiteten Mantus-Songs zu veröffentlichen. Ich bin mir sicher, das die Leute wohl geteilter Meinung über diese CD sein werden, und möchte mit dieses Mixen auch nicht die Charakteristik der Originale beeinflussen. Es war einfach ein persönliches Ding von mir, weil es mich musikalisch gereizt hat.

Orkus: Hast du nicht immer die Meinung vertreten, Mixe oder Bearbeitungen bieten sich für den rockigen Bereich eher nicht an?
Martin: Das stimmt, grundsätzlich bin ich dieser Meinung, und ich habe es auch nur gemacht, weil es eben meine eigenen Arbeiten sind, die ich neu interpretiert habe. Man muss auch sehr behutsam an die Sache rangehen. So findet man zum Beispiel bei den Bearbeitungen keine speziellen Clubtracks oder harten EBM oder eben Sounds, die nicht in diesen Kontext hineinpassen. Es ist immer noch genügend Mantus-Feeling in den Bearbeitungen, obwohl die sich stark vom Original unterscheiden. Deshalb wären Remixe von anderen Bands oder Musikern für dieses Vorhaben auch nicht in Frage gekommen.

Orkus: Angenommen, aus irgendeinem Grund müsstet ihr euch entscheiden, nur noch eins eurer beiden Projekte fortsetzen zu können. Wie würde eure Wahl ausfallen?
Martin: Zum Glück wird dieser Fall nicht eintreten, aber ich würde mich wohl für Mantus entscheiden. Vielleicht, weil es der Ursprung meiner ganzen musikalischen Arbeit ist und ich mehr persönliche Erinnerungen und Gefühle damit verbinde.
Tina: Bei mir wäre es wohl auch Mantus, da eben mit Mantus alles begonnen hat und wahrscheinlich hauptsächlich aus diesem Grund mein Herz ein wenig mehr an diesem Projekt hängt. Im übrigen mag ich es auch schon eher etwas rockiger.

Axel Schön - Orkus