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ORKUS
(06/2004) |
Das die beiden Mantus-Künstler Martin und
Thalia Geschwister sind, spricht sich erst allmählich
herum. Dass das Duo nun schon seit vielen Jahren
romantische, metaphernreiche Gothic-Songs schreibt, ist
dagegen längst kein Geheimnis mehr. Auch das neuste
Ergebnis Ein Hauch von Wirklichkeit kann den
beiden wieder mühelos zugeordnet werden - und doch ist
so einiges anders! |
Orkus:
Auf meine Frage in unserem letzten Gespräch, wie ihr euch eine
längerfristige Zukunft vorstellt, hatte Thalia geantwortet, dass
sie noch nicht absehen könne, was in einem Jahr sei. Was hat
sich nun bei euch in diesem Zeitraum geändert?
Martin:
Da ich ständig an
etwas Neuem arbeite, verändert sich im laufe der monate bei mir
recht viel. Manchmal habe ich sogar das Gefühl, dass sich meine
Persönlichkeit immer noch in einer Unaufhaltsamen Entwicklung
befindet, und das spiegelt sich natürlich in den
Veröffentlichungen wieder. Die Musik steht bei mir immer noch an
erster Stelle, und dorthin fließt sehr viel Energie. Darüber
hinaus versuche ich mich auch in Videoprojekten und als
Schriftsteller. Voraussichtlich wird noch in diesem Jahr mein
erster Geschichtsband erscheinen, da ich glaube, dass die Zeit
dafür reif ist.
Tina:
Prinzipiell hat
sich bei mir diesbezüglich nicht viel geändert. Ich habe zwar
meine Ausbildung nun abgeschlossen, und mir würde es schon
gefallen, ein wenig für die Zukunft planen zu können. Da ich
aber noch keine feste Arbeitsstelle habe, und daher auch noch
nicht weiß, wohin es mich verschlagen wird, ist eine
längerfristige Planung einfach schwierig.
Orkus:
Martin, da hast anlässlich des Albums im vergangenen Jahr
offenbart, dass du dich damals "rundum sehr gut fühltest. Wenn
man nun den neuen Texten lauscht, bekommt man eher einen
gegenteiligen Eindruck.
Martin:
Na ja, nun ist Frühling und ich erwarten langsam aus meiner
Winterdepression. Es ist aber sehr viel Melancholie und
Negativität fest im Inneren verankert, und man kann sich nicht
von heute auf morgen davon lösen. Meine Lyrics schreibe ich in
stillsten Stunden, wenn ich bereit bin, mich der ganzen
Gefühlswelt zu öffnen. Ich kann mich nicht hinsetzen und mir
sagen, jetzt schreibe ich mal einen Song frei von Schmerz und
Angst. Außerdem kommt die Lyric bei mir meist erst, wenn die
Musik schon fertig geschrieben ist, und so lasse ich mich
natürlich auch von den Kompositionen leiten. Wenn ich mich gut
fühle, geschieht das aus dem Willen heraus, nicht in der eigenen
Isolation zu versinken, aber ich benutze die Kunst eben, um auch
die tiefen Gefühle ans Tageslicht zu bringen und umzusetzen.
Orkus:
Bei dem Album Weg ins Paradies hatte man aufgrund der
Texte das Gefühl, du seist auf der Suche. Durch die neuen Stücke
meint man fast, du bist nun kurz davor, die Suche als sinnlos
aufzugeben.
Martin:
Nein, so ist es
nicht! Viele Songs wirken düster und traurig, doch immer - wie
auch bei vorherigen Produktionen - sehe ich ein Licht am Ende
des Tunnels, und die Sache ist nie ganz ausweglos. Ich glaube
fest an die Macht der Liebe, und das bringe ich auch zum
Ausdruck. Dieses Album setzt sich auch mit der Welt als solcher
auseinander, und ich sehe das weltgeschehen nun mal als sehr
traurig an und bin kritisch gegenüber der Oberflächlichkeit
einer Gesellschaft, die Probleme einfach verdrängt und
fragwürdige ideale verkauft.
Orkus:
Das ist dann auch der generelle Inhalt der neuen Platte?
Martin:
Es
geht vor allem um den Inneren Konflikt zwischen Traumwelt und
Realität und die Angst um die eigene Existenz. Dort draußen
lauert eine feindliche Welt mit so viel Schrecken und Gefahren,
dass der Weg in eine Scheinwelt oftmals die einfachere
Alternative ist. Doch ist die Flucht nie ein Ausweg und
letztendlich keine Form der Zufriedenheit. Deshalb beschäftigen
sich die Texte zwar hauptsächlich mit dem inneren Monolog, doch
immer wieder mit Bezügen zur Außenwelt. Musikalisch macht es
sich bemerkbar, da die Songs an sich zugänglicher sind als je
zuvor, und so versuche ich, die eigentlich introvertierte Musik
weiter nach außen zu tragen.
Orkus:
Das Album erscheint mit
einer zusätzlichen Bonus-CD. Was gibt es denn auf dieser zu
hören?
Martin: Mit
diesem Bonus wollten wir etwas ganz besonderes machen und haben
mit dem klassische ausgebildetem Pianisten Wolfgang Gerhard den
richtigen Mann für die Umsetzung gefunden. Es befinden sich
sechs stücke des Albums als neu interpretierte Pianoversionen
darauf. Wir möchten mit den neuen Veröffentlichungen einen
innovativen Schritt nach vorn machen, und eine Bonus-CD gibt die
Möglichkeit, sich als Künstler noch einmal neu zu präsentieren.
Orkus:
Bisher galten Romantik und Mystik als Schwerpunkte des
musikalischen Schaffens von Mantus. Dies scheint nun eher
zurückgedrängt von Hoffnungslosigkeit, auch Wut, und direkter
Stellungsnahme zu weltlichen Problemen.
Martin:
Das ist auf jeden Fall
so, und im Moment bewege ich mich bewusst in diese Richtung. Ich
schreibe zwar gern abstrakte Lyrics und drücke mich so aus, dass
immer noch Platz für freie Interpretationen ist, doch habe ich
auch das Gefühl, sehr oft missverstanden zu werden. Deshalb
schreibe ich immer wieder konkrete Texte, die offen auf mein
Verständnis und meine Sicht der Dinge hinweisen. Ich denke, es
ist an der zeit, sich nicht nur seinen Träumen und Sehnsüchten
hinzugeben, sondern auch kritisch und direkt eine Stellungnahme
abzugeben. Hass und Wut spielen immer häufiger eine Rolle in den
Songs, weil mir oft der Glaube an eine bessere Welt fehlt.
Kleine anarchische Ausbrüche, wie in Ohnmacht, befreien
unendlich und geben wieder Kraft. Zerstörung und Neuanfang sind
seit jeher ein Thema bei Mantus, wie in Neue Welt
oder Pathos, weil die Verzweiflung manchmal gewinnt und
die Hoffnung in der Seele verkümmert. Ich wünsche mir eine
geistige Revolution in den Köpfen der Menschen und einen Weg
hinaus, aus einer Diktatur, die von Konsum und Verdrängung
bestimmt wird. Der Lauf der Wege steuert in eine Richtung, die
mir nicht gefällt, und ich komme an weltlichen Problemen einfach
nicht mehr vorbei. Ich will damit zeigen, dass Mantus nicht
länger außen vor steht, denn ich habe das Bedürfnis, meinen Teil
beizutragen.
Orkus:
Bei dem
Titelsong selbst bin ich mir nicht recht schlüssig, wogegen er
sich eigentlich richtet.
Martin: Diese Stück
ist ausgesprochen vieldeutig und doch sehr klar in der
Ausdrucksweise. Es handelt im Prinzip von meinem Verhältnis zu
den Menschen allgemein. Ich benutze dabei Nazi-Metaphern, um zu
verdeutlichen, wie sehr sich die Lage schon zugespitzt hat.
Orkus:
Auch
Stumme Schreie ist ein sehr konkreter Text. Welchen Bezug
habt ihr zu der darin aufgegriffenen Thematik?
Tina: Das Thema
"Kindesmisshandlung" wird meiner Ansicht nach viel zu wenig
behandelt. Es gibt hier eine riesige Dunkelziffer an Verbrechen.
Gleichzeitig löst diese Thematikeine furchtbare Wut in mir aus.
Es ist gar nicht vorstellbar, wie schlimm eine solche Erfahrung
für ein Kind sein muss, und damit ein Leben lang umgehen zu
müssen. Wenn ich mir vorstelle, ich hätte ein Kind, dem so was
angetan würde, ich glaube, ich könnte für nix garantieren.
Orkus:
Und
welchen Krieg habt ihr in Dein Feind aufgegriffen?
Martin:
Ausschlaggebend für diesen Song war der aktuelle Irak-Krieg und
das Selbstverständnis und die Politik der Amerikaner im
Allgemeinen. Ich habe im Refrain des Songs in der Ich-Form
getextet, und ich meine damit auch wirklich mein Verhältnis zu
der ganzen Sache. Ich habe kein Verständnis für
menschenverachtenden Imperialismus und einen sinnlosen Krieg aus
niederen Beweggründen. Man kann natürlich nicht seine Meinung
gegen ein ganzes Volk verallgemeinern, doch in vielerlei
Hinsicht bin ich antiamerikanischer Überzeugung, und dieser
krieg war Anlass genug, um deutlich Stellung zu beziehen.
Orkus:
Warum muss man sich denn
dem "Hauch von Wirklichkeit" überhaupt stellen?
Martin:
Dieser
"Hauch von Wirklickeit" ist immer da, ob man will oder nicht.
Jeder Mensch ist Teil der Welt und der Gesellschaft, und "leben"
heißt immer auch "miteinander leben", Man kann der Realität
nicht auf Dauer entfliehen, es kommt immer der Punkt, wo man auf
den Boden der Tatsachen zurückgeholt wird. Aber was soll man
machen, wenn man sich in dieser Welt fremd, verloren und
verachtet vorkommt? Man zieht Konsequenzen für sein weiteres
Leben und erfindet Möglichkeiten, um alles zu ertragen.
Axel
Schön
- Orkus