Interview von DNASix

Alex mit Martin Schindler, April 2004

Wenn man zahlreiche Interview mit Künstlern/ Bands gelesen hat, fällt einem immer wieder auf, dass jeder erzählt, dass das neueste Album das beste sei. Was meinst du woran dies liegt?
Martin: Ich denke das ist doch ganz natürlich. Jede Band und jeder Künstler entwickelt sich weiter und man verspürt den Drang, das künstlerische Schaffen zu perfektionieren und auszureizen. Man versucht immer einen Schritt weiter zu gehen als man es in Vergangenheit getan hat und wenn man dann ein Album veröffentlicht, ist man von der Sache so überzeugt, dass man es nun an die Öffentlichkeit bringen will um zu zeigen wo man jetzt steht und wohin man sich entwickelt hat. Hinzu kommt außerdem dass man mit dem neuesten Release noch lange nicht abgeschlossen hat, wie mit älteren Releases. Man hat den Entstehungsprozess und die ganze Mühen der Produktion noch vor Augen und da man die ganze Zeit über sein Bestes gegeben hat, liegt einem die aktuellste Produktion sehr am Herzen.

"Dummerweise" wird nun auch in diesem Artikel zu lesen sein, dass das neue Mantus Album eindeutig das beste ist. Zumindest ist schon mal der Autor dieser Meinung... Wenn es sich auch eindeutig um den unverkennbaren "mantusischen" Stil handelt, wurde das Einsetzen der Instrumentierung perfektioniert. Etwas überraschend ist auch, das mehr elektronische Klänge eingesetzt wurden.
Martin: Vielen Dank, das ist sehr nett. Ein Wiedererkennungswert ist ohne Zweifel gegeben und ich habe versucht, meine Musik in vielerlei Hinsicht zu perfektionieren, da es in der Vergangenheit immer ein paar Sachen gab womit ich im Nachhinein nicht ganz zufrieden war. Ich bin mit mir selbst sehr anspruchsvoll geworden und überlege sehr lange bis ich mich dazu entschließe, einen Song mit auf ein Album zu nehmen. Ich denke allerdings nicht, dass ich verstärkt elektronische Elemente eingesetzt habe. Manchmal sind sie nur mehr in den Vordergrund gemischt und die Art der Sounds unterscheidet sich etwas von vorherigen Alben. Ich habe oft relativ typische "Trance Sounds" benutzt, wie blöd sich das auch anhören mag, weil ich gemerkt habe, dass diese modernen Klangfarben am ehesten dem entspricht was ich haben wollte. Das Hauptaugenmerk der elektronischen Sounds liegen bei Mantus allerdings immer auf ästhetischen Streichern und weichen Pads.

Welcher Song bedeutet dir persönlich, bezogen auf die Lyriks, am meisten?
Martin: Das kann ich genauso schwer beantworten als wenn ich gefragt werde, welche musikalischen Favoriten ich auf dem Album habe. In jedem Song liegt ein Teil meiner Seele und meiner Persönlichkeit verborgen und es stammt alles aus meiner Feder, deshalb fällt es mir schwer zu beurteilen. Ich habe das Album "Ein Hauch von Wirklichkeit" nach dem gleichnamigen Song benannt weil er am ehesten die gesamte Thematik und die Motive des Albums widerspiegelt, deshalb würde ich mich vielleicht für ihn entscheiden. Zudem ist dieser Song wirklich sehr persönlich und unnahbar.

Kommt es dir manchmal auch so vor, dass man den Eindruck nicht los wird, dass sich alles verschlechtert? Oder liegt dies vielleicht nur an der Steuerung der Medien?
Martin: Man kann die Medien für viel aber auch nicht für alles verantwortlich machen. Sie sind Teil des demokratischen Systems und die Allgemeinheit scheint diese sich zuspitzende Situation durchaus zu befürworten. Es ist nicht nur ein Eindruck, sondern es ist Tatsache dass es mit der Gesellschaft und dem System in unserem Land bergab geht. Die Politik spielt sicherlich eine Rolle, aber viel wichtiger ist dass Bewusstsein der Bevölkerung und die zunehmende Verflachung in allen Lebensbereichen. Die Menschen werden immer dümmer, der Anspruch wird nach unten korrigiert und Standpunkte und Überzeugungen verlieren sich in einer Liberalisierung die zwar modern aber überaus gefährlich ist. Es verschlechtert sich alles durch eine Mittelmäßigkeit die allseits angenommen wird.

Wie würde für dich eine (nahezu) perfekte Welt, oder einfacher, ein (nahezu) perfektes Deutschland aussehen?
Martin: Grundsätzlich sollten sich mit diesen Fragen Leute auseinandersetzen die in diesem Bereich tagtäglich zu tun haben. Ich denke es gibt viele Ansätze und Ideen die vielversprechend wirken. Vieles hat leider in der Vergangenheit nicht funktioniert und so kommt mir unsere Demokratie als das kleinste Übel vor. Fanatischer Kapitalismus ist menschenverachtend und gerade dadurch ist auch die Oberflächlichkeit der Gesellschaft begründet. Wenn wir nicht aufpassen, haben wir bald Zustände wie in den USA. Der demokratische Gedanke an sich ist als Idee etwas wertvolles und es ist immer noch das Volk das einen Staat ausmachen sollte und nicht die Industrie und die Wirtschaft. Gerechtigkeit ist allerdings kaum zu erreichen, da der Mensch doch zu sehr Individuum ist und Kompromisse sind zwar notwendig doch stellen im Grunde niemanden zufrieden.

Würdest Du bestätigen können, dass Du ein Suchender bist? (wenn ja, wonach?)
Martin: Ziele habe ich schon einige für mich gefunden, aber noch nicht alle Wege die mich dorthin führen könnten. Ich glaube an die Liebe und so suche ich Sie.

Was meinst Du woher kommt deine Schwäche für die Melancholie?
Martin: Woher es kommt kann ich nicht sagen. Ich habe die Melancholie in meinem Lebensweg idealisiert und das war schon immer so. Es ist die Art in der ich die Welt betrachte und mein Verständnis gegenüber dem ganzen Kosmos. Alles was tragisch, schwermütig, tiefsinnig und schön ist spricht mich tief in meinem Inneren an und hat die stärkste Bedeutung für mich. Zu spüren dass man existiert ist wohl die wichtigste Erfahrung des Menschen und diese höchsten Gefühle spiegeln sich bei mir in der Melancholie.

Kommen wir noch mal zu "ein Hauch von Wirklichkeit": welche Gedanken stecken dahinter, dein neues Album so zu betiteln?
Martin: Ähnlich wie bei den letzten Alben steckt kein wirkliches Konzept hinter der CD und ich habe versucht, einen Oberbegriff zu finden, der die Motive und die verschiedenen Gefühlswelten in sich vereint. Schon beim ersten Song \"Küss mich wach\" geht es voll in die Thematik Realität vs. Traumwelt und dieses Thema zieht sich wie ein roter Faden durch das ganze Album. \"Ein Hauch von Wirklichkeit\" drückt aus, dass man immer wieder mit Problemen und Ängsten konfrontiert wird, ob man nun will oder nicht, und dass man von der Realität immer in irgendeiner Weise eingeholt wird. Es gibt verschiedene Zufluchtsorte wohin man sich zurückziehen kann, doch ich glaube, man kann dort nicht auf lange Sicht existieren und wirklich glücklich sein. Man muss sich seinen Weg suchen, auch wenn es hart und schmerzhaft ist, man muss manchmal das Innere nach außen kehren wie man sich auch der Umwelt gegenüber öffnen muss.

Und woher rührt die Idee, einen Großteil deiner neuen Kompositionen mit einem Solo Piano zu vertonen?
Martin: Solche und ähnliche Ideen gehen mir schon jahrelang im Kopf herum. Zu diesem Album sollte es eine Bonus CD geben und so hatte ich mal die Möglichkeit so etwas zu realisieren. Im übrigen hat mir die ganze Sache so gut gefallen, dass es vielleicht auch mal ein Akustik oder ein reines Piano Album von Mantus geben wird, z.B. als eine Art Best of. Die Bonus CD sollte zum einen etwas ganz besonderes werden und zum anderen etwas, dass man von uns bisher nicht kannte. Durch Zufall habe ich den Pianisten Wolfgang Gerhard kennen gelernt und von Anfang an haben wir uns sehr gut verstanden und konnten sehr gut miteinander arbeiten. Wir haben uns zwar an die Originalversionen gehalten, doch hat er viel eigene Ideen eingebracht und oft habe ich ihn einfach spielen lassen ohne groß dazwischenzureden. Er hat die Fähigkeit, sich ganz auf fremde Kompositionen einzulassen um sie schließlich neu zu interpretieren. Pianoversionen sind eine wundervolle Sache und wird auch in Zukunft für uns aktuell bleiben. Außerdem sind mittlerweile die ersten Stimmen von den Fans zu mir durchgedrungen und die waren von der Sache schwer begeistert, das sollte man natürlich auch beachten.

Was glaubst Du, wie würde dein Leben, dein Alltag aussehen, wenn Du im Jahre 1750 leben würdest?
Martin: Hmm... wahrscheinlich wäre ich auch dann in irgendeiner Form kreativ aber zu dieser Zeit konnte man bestimmt nicht so ein Tagträumer sein wie ich es heute bin. Und wahrscheinlich müsste ich für meinen Lebensunterhalt wirklich arbeiten....