Die Aktualität zuerst: Kürzlich ist ein
Sisters Of Mercy-Tribute mit Deiner Beteiligung erschienen, was
gibt es dazu zu sagen? Außerdem deutetest du an, viel zu tun zu
haben, was genau dürfen wir wann erwarten?
Martin:
Ich wurde gefragt, ob
ich einen Song zu einem Sisters Tribute beisteuern möchte, und
da es sich um eine großartige Band handelt, habe ich auch
zugesagt. Zudem konnte ich mich auch noch mit meinem Lieblings
Sisters Stück "Marian" beteiligen. Den Song produzierte ich als
wir auch die Songs für die "Fremde Welten" CD einspielten. Ich
denke, in etwas 3 bis 4 Monaten dürfte mit einer
Doppelveröffentlichung meinerseits zu rechnen sein. Mit Mantus
habe ich gerade ein neues Studioalbum fertiggestellt, welches
"Weg ins Paradies" heißen wird. Und auch mit Black Heaven sind
die Arbeiten zu einer EP fast fertig. Diese wird neue Songs
beinhalten, neue Mixe älterer Songs, eine Coverversion von
Depeche Mode und Remixe anderer bekannter Künstler. Betitelt ist
sie mit "End of the world". Wann diese beiden Veröffentlichungen
allerdings auf den Markt kommen, wird sich im Laufe der nächsten
Wochen entscheiden.
In einem Interview mit Romarik von
Forbidden Site (gibt es die Band eigentlich noch?) sagte dieser
einst, Kunst seiseiner Meinung nach nicht geeignet, anklagend
Kritik zu erheben oder überhaupt Außeneinflüsse zu verarbeiten,
da andernfalls eine rein negativ geprägte Kunst das Resultat
sei. Kunst sei seiner Meinung nach allerdings immer und
grundsätzlich positiv. Deine Meinung dazu?
Martin: Naja, das ist
natürlich völliger Quatsch. Der Künstler kehrt seine Seele nach
außen und gibt der Welt preis, was ihn bewegt und was er sich
vorstellt. Der Mensch generell ist Produkt der äußeren
Einflüsse, seines Verständnisses und seiner Entscheidungen und
gerade der Künstler hat das Recht, seine Sicht der Dinge
aufzuzeigen. Kunst ist etwas das fasziniert aber vor allem ist
Kunst individuell in der Darstellung. Sie ist genau das was sie
sein soll.
"Drown in my dreams": Liegt in dem
Ausstieg aus der Wirklichkeit, der Flucht und Erschaffung einer
eigenen Welt auch die Gefahr, sich in dieser zu verlieren? Was
für ein Gefühl ist es, nach dem Aufenthalt in Deinen Träumen
etwa aus dem Studio zu kommen und auf die Straße zu treten?
Martin:
Meine Texte, genau wie mein eigenes Leben, liegen zwischen Traum
und Realität. Natürlich besteht die Gefahr sich in erschaffenen
Welten zu verlieren. Diese mächtigen Gefühle nehmen mich
gefangen wenn ich Texte schreibe und wenn ich nachdenke, aber
vor allem immer dann, wenn ich alleine bin. In meiner
Produzententätigkeit bin ich allerdings schon fast zu routiniert
und professionell als dass mir von daher Gefahr drohen könnte,
denn Musik ist auch unheimlich viel Arbeit, wenn auch angenehme,
und das lenkt ab von essentiellen Gefühlen. Die Wahrheit liegt
in der Entstehung meiner Songs und nicht in der Vollendung.
Wirklichkeit mischt sich mit Kunst und ist das Produkt all
meiner Inspiration, denn das bin ich selbst. Alles in allem habe
ich meine Arbeit und mein Leben aber gut im Griff und kann mich
kontrollieren, denn ich lebe schon seit Ewigkeiten mit meinen
Gefühlen. Das war nicht immer so.
"Agony" ist ein Stück, das in sich selbst
zu schwelgen scheint, kein depressiv wirkendes. Schmerz vs.
Lustgewinn - nur ein scheinbarer Widerspruch?
Martin:
In diesem Stück habe ich versucht,
den Schmerz des Daseins auf eine sexuelle Handlung zu übertragen
und diese zu verbinden. Der Tod, den wir durch unseren Schmerz
zu begreifen versuchen, übt auf mich eine sonderbare Erotik aus.
Sex und Tod, zwei Dinge an die man glauben darf und die ungemein
wichtig sind im Leben eines Menschen. Dieser Song ist eine
nüchterne Betrachtung unserer Existenz.
"Angst": "Die Angst, dich zu verführen" -
ist es die Angst, die Verführung könne misslingen oder kann das
genaue Gegenteil mehr Angst machen?
Martin: Konkrete Textstellen oder
Interpretationen meiner Songs kommentiere ich sehr ungern. Alles
was ich mit meinen Texten und der Musik verkörpere, sollte als
Ganzes, Einheitliches gesehen werden. Tiefgründigkeit und
Romantik braucht Freiraum für ein Verständnis und das will ich
den Leuten geben. Meine Texte sind abstrakt, das ist mir
bewusst, aber vielleicht ist darin auch der Reiz, sich mit
meiner Welt zu beschäftigen. Wenn ich das Bedürfnis habe, mich
zu einer Sache deutlich zu äußern, dann tue ich es.
Ist Dir die Angst mehr vertraut als die
Furcht? Furcht bezeichnet für meine Begriffe eher eine Reaktion
inklusive konkretem Auslöser, Angst ist schwerlich zu
lokalisieren. Wäre ein Leben ohne möglich?
Martin: Die Angst ist ständiger Begleiter
in jedem Leben eines Menschen. Schon wenn wir auf die Welt
kommen und unserer Mutter entrissen werden, spüren wir eine
existentielle Angst, denn es ist kalt und wir sind allein. Ich
denke, man kann sich seine Ängste und Urängste vor Augen führen,
aber entkommen kann man ihnen nicht.
In Deinen Texten sind religiöse Symbole
und Figuren wiederkehrende Motive. Bezeichnest Du dich in
irgendeiner Form als gläubig oder bist Du in der Position, die
zu beneiden, die glauben können und um eine Kirche als Zuhause
wissen?
Martin:
Ich glaube, die Welt existiert zu einem Großteil allein aus der
Vorstellung, weil wir ein Bedürfnis nach verschiedenen Dingen
haben die nicht offensichtlich sind. Um uns herum mag totale
Objektivität herrschen, doch das ist nicht genug und wir haben
die Macht, vieles in diese Welt hineinzuinterpretieren. Religion
fasziniert mich, aber ich halte absolut nichts von
vorgeschriebenen Dogmen und Verhaltensmaßregeln. Beneiden tue
ich in unserer Kultur allerdings niemanden wegen seines
Glaubens, sondern denke eher, dass sie kein Bewusstsein für ihre
eigene Verantwortung haben. Allerdings bin ich in diesem
Kulturkreis aufgewachsen und kenne mich deshalb mit christlichem
Glauben und allem was das für Gesellschaft und Zeitgeist
bedeutet am besten aus. Ich benutze diese Motive weil sie für
mich etwas aussagen und darstellen und ich verstanden werden
kann, wenn man sich auf meine Worte einlässt.
Was ich noch nie verstanden habe: Woher
die seltsamen Genusvertauschungen in "Feuer" als auch "Kleiner
Engel flügellos"? "Eine Welt, dessen Menschen...". Von einem
Versehen möchte ich wirklich nicht ausgehen, weshalb also der
scheinbare Fehler?
Martin:
Das deutlichste Beispiel hierfür
findet man in dem Song "Flusseslauf" von Black Heaven. "Träume
nicht von einem Morgen, das dir fälschlich aufgezwungen". Die
Erklärung dafür ist eigentlich ganz einfach und zwar verändere
ich an einem Text nichts mehr wenn er einmal fertiggeschrieben
ist. Ich versuche das Ursprüngliche zu erhalten, die Idee die
dahinter steckt. Mag es auf den ersten Blick als sprachlicher
Fehler erscheinen, verbirgt sich dahinter doch vielleicht ein
verborgener Sinn. Manchmal wenn ich schreibe, bin ich wie in
Trance und wache erst auf wenn etwas beendet ist. Wenn ich
schreibe, denke ich sehr schnell und bekomme die Worte manchmal
nicht entsprechend auf Papier, so muss ich einen Gedanken zu
ende schreiben, obwohl ich schon viel weiter vorgestoßen bin.
Leute aus der Beatnik Bewegung sprachen in diesem Zusammenhang
von der Zensur des ursprünglichen Gedankens, wenn man im
nachhinein noch etwas verändert. Man manipuliert sich selbst und
ist nicht mehr spontan. Diese Einstellung habe ich mir zu Herzen
genommen.
Thema "Wahnsinn": Bist Du, aus einigem
Abstand heraus betrachtet, mit der Umsetzung dieser Thematik auf
"Abschied" zufrieden? Mir erscheint das Mantus-Debüt als weitaus
wahnsinniger - "Herr der Welt" ist eine Übersteigerung in
wahnhafte Gefilde, "Feuer" als "lyrische Tollheit" ebenso etc.
-, während ich "Abschied" eher mit "Liebe" oder "Trauer"
assoziiere.
Martin:
Ich bin mit der Umsetzung sehr
zufrieden. Allerdings lebe ich mit meinen Wahnvorstellungen
schon seit einiger Zeit und es lässt sich gar nicht vermeiden,
dass dieses Thema immer wieder in den Texten auftaucht.
Empfindest Du es als schwierig, Fragen zu
etwas älteren Stücken zu beantworten, kommen dabei Erinnerungen
und Gefühle wieder hoch? Ist das mit ein Grund dafür, dass Ihr
nie live auftretet, die Angst, Emotionen totzureproduzieren?
Martin:
Naja, es fällt mir natürlich
leichter über gegenwärtige Songs zu reden, weil die Gefühle die
ich damit verbinde noch frisch sind. In der Erinnerung verändern
sich viele Sachen. Das Schöne ist, dass sich im Nachhinein
nichts verfälschen lässt, weil die Songs und die Texte
geschrieben sind. Meine Musik lebt aus dem Moment heraus und ich
kann mich gut in vergangene Situationen wieder hineinversetzen.
Dass wir zur Zeit nicht live auftreten hat andere Gründe auf die
ich jetzt nicht näher eingehen möchte.
Fühlst Du Dich mit Deinen Projekten
manchmal in einer gewissen Enge gefangen? Ein oberflächliches
Mainstream-Publikum können sie nie erreichen, Schlagervorwürfe
hin oder her. Auf der anderen Seite wenden sich auch Angehörige
einer "ernsten" Musikkultur von "weltfremden Spinnern" gemeinhin
ab, zu viel Pathos, zu viele Dämonen, Tode, Höllenfeuer. Machen
Unverständnis und Ignoranz Dich traurig?
Martin:
Ich möchte niemanden zwingen, sich
mit meiner Musik auseinander zu setzen. Ganz im Gegenteil. Ich
schreibe meine Musik nicht für jeden. Ich gebe in den Songs das
höchste preis was ich besitze, und zwar meine Gedanken und meine
Gefühle. Wenn jemand das nicht zu schätzen weiß oder damit
überfordert ist, soll er anderer Musik lauschen. Es gibt in
meinen Projekten sehr viel Angriffsfläche und somit wird auch
immer viel Kritik laut werden und einige dieser Vorwürfe
betrüben mich schon. Da ist z.B. das große "Problem" mit den
deutschen Texten. Viele Leute in der deutschen Musikszene sind
einfach zu kleinkariert um ihre Heimatsprache als musikalisches
Ausdrucksmittel anzusehen. Manchmal habe ich den Eindruck, sie
fühlen sich dadurch peinlich berührt und sind schon fast
überfordert, mal wirklich auf die Texte zu achten. Ich bin mir
sicher, wenn ich bei Mantus seit jeher in englisch texten würde,
hätte ich bis heute keinen Vorwurf gehört. Aber damit müssen
sich viele Künstler in Deutschland auseinandersetzen. In die
Enge getrieben fühle ich mich mit meinen 2 Projekten sicher
nicht, ganz im Gegenteil. Alles was ich nicht mit Mantus machen
möchte, verwirkliche ich mit Black Heaven. Ich stehe bei einem
Independent Label unter Vertrag und die lassen mir alle
Freiheiten, so dass ich praktisch das machen kann was ich will.
Ohne Stolz und eine gewisse
Selbstverliebtheit ist die beschriebene Behandlung sicher nicht
auszuhalten. Welchen Stellenwert misst Du Mantus innerhalb der
"Szene" zu? Hat ein Musiker versagt, wenn er seine Band nicht
als besteder Welt ansieht?
Martin:
Als das Debut "Liebe und Tod"
produziert wurde, wollte ich romantische Gothic Musik machen und
das tat ich auch. Allein durch diese Platte haben wir uns einen
festen Stellenwert in der Szene gesichert. Wenn man sich die
aktuellen Scheiben beider Projekte anhört, stellt man fest, dass
alles viel individueller geworden ist. Meine Musik ist traurig
und romantisch, das wird sich wohl so schnell nicht ändern, aber
ich sehe mich doch allmählich losgelöst von jeglichen
Kategorisierungen und so gehe ich auch an die Arbeit, wenn ich
neue Songs produziere. Ich denke, gerade in der Szene werden wir
immer auf große Zuneigung stoßen, weil man sich dort traut, sich
auf Gefühle einzulassen und sich der Melancholie hinzugeben.
Ein befreundeter Sechssaitenquäler
begründete mir seine Abneigung Mantus gegenüber gar damit, das
Gitarrespiel wie die Songs an sich seien ihm zu simpel. Wie
stehst Du zu musikalisch-technischer Weiterentwicklung und wann
können wir mit dem ersten Gitarrensolo rechnen?
Martin:
In einigen Mantus Stücken findet man
melodische Gitarren Soli, aber mehr in dieser Richtung habe ich
nie beabsichtigt, weil so etwas das ganze Gefühl in den Songs
zerstören würde. Es ist sehr wichtig sich zu entwickeln und
festzuhalten was man wirklich mit seiner Musik beabsichtigt. Auf
dem neuen Album wirst du feststellen, dass alles viel komplexer
und in sich geschlossener geworden ist. In technischer Hinsicht
komplizierter zu werden, war nie meine Absicht und wird es auch
nie sein. Ich versuche neue Elemente in meine Musik einfließen
zu lassen, mache das aber nur in dem Rahmen, dass der
Grundgedanke und das tragende Gefühl in der Musik nicht verloren
geht.
Wenn Du Dir heute "Welt sei mein", das in
meinen Augen und Ohren eine offenbare Verwandtschaft zu
"Seelenlos" aufweist, anhörst - welcher der dort angesprochenen
Punkte ist zum jetzigen Zeitpunkt der wichtigste resp. der, auf
den Du am dringendsten noch hinarbeiten möchtest?
Martin:
Also erst mal muss ich hier
anmerken, dass in meinen Augen "Welt sei mein" wirklich kaum
etwas mit "Seelenlos" gemein hat, außer der Tatsache, dass die
Liebe der einzige Ausweg und die Antwort auf persönliches Leid
darstellt. Das eine Stück ist sehr erdrückend und realistisch,
das andere verträumt und offenherzig. Es gibt eigentlich nichts,
worauf ich hinarbeiten möchte. Alles entsteht bei mir aus dem
Moment heraus und kann sich von heute auf morgen wieder radikal
ändern.
Bleibt Raum für letzte Worte und alles,
was Du mir und uns schon immer sagen wolltest. Ich bedanke mich
derweil herzlich für das Interview und die Geduld mit meinen
Fragen.
Martin:
Auch ich habe zu danken.