Mantus

 
Kitsch und Pathos kontra Anspruch und Romantik

 



Zillo

(02/2001)

Anfang der 90iger Jahre, als die schwarze Szene in Deutschland einen ungeahnten Aufschwung erlebte, kreierte ex-Zillo Kollege Sven Freuen die, für viele Künstler und Bands, verhängnisvolle Schublade der "Neuen Deutschen Todeskunst", die angelehnt an den Begriff der "Neuen Deutschen Welle" eine neue Generation an deutschsprachigen Acts beschreiben sollte. In der Folgezeit mussten sich damals aufstrebende Bands wie z.B. Das Ich, Goethes Erben, Lacrimosa und Relatives Menschsein immer und immer wieder mit diesem Stempel abfinden, der selbst bis in die heutige Zeit noch gern benutzt wird. Gerade in den letzten Jahren erfuhr dieses vermeintliche Genre wieder eine enorme Frischzellenkur, die etliche neue Projekte und Künstler ans Tageslicht brachte. Eine dieser neuen Sprösslinge ist das gemischte Doppel Mantus, welches erst kürzlich ihr Debutalbum "Liebe und Tod" veröffentlichten. Ich unterhielt mich mit Mantus-Mastermind Martin Schindler über past, present und future seines Projektes.

 "Mantus wurde vor drei Jahren ins Leben gerufen, um meine lyrischen Texte mit passender und ausdrucksstarker Musik zu untermalen. Zum Anfang war der musikalische Bereich weit gefächert um sich optimal auf die verschiedenen Texte und Gedichte einzustellen, jedoch konnte man immer eine Spur von Gothic erkennen, die sich in düsteren Balladen, verträumten Rocksongsund treibenden Soundcollagen niederschlug", erklärt Martin. "Als nun Thalia mit in das Projekt kam wurden die Motive meines Ausdrucks romantischer und ganz unbewusst schlich sich eine strategische Linie in die Musik ein, so dass eines Tages feststand, daß im Projekt Mantus düster-romantische Gothic-Songs das Licht der Welt erblicken sollten. Die zentralen Themen wie Liebe, Tod, Sehnsucht und Glaube werden also auch in Zukunft die Hauptrolle in diesem Projekt spielen und für diese Themen suchen wir ständig nach dem passenden Ausdruck!" erwidert Martin auf die Frage nach der Entstehung und Entwicklung seines musikalischen Babys.

Was verbirgt sich jedoch hinter dem Bandnamen Mantus?

"Mantus ist der etruskischen Mythologie entnommen, und steht für den Totenführer und den Wächter in der Unterwelt; man könnte ihn vielleicht mit dem griechischen Hades vergleichen", fährt Martin fort. Beim mehrmaligen des Debutalbums "Liebe und Tod" schwirrte auch mir immer wieder diese "Neue Deutsche Todeskunst"- Schublade im Kopf herum, in die Mantus mittlerweile auch des öfteren gestopft wurden. " Ich kann es den Leuten nicht verdenken uns in diese Sparte einzuordnen, denn die Menschen denken nun mal gerne in Schubladen und in der derzeitigen Szene bleibt ihnen keine entsprechende Auswahl. Ich persönlich würde unser Projekt nicht dazuzählen, denn dieser Ausdruck ist so eingeschränkt und lässt keinen Platz für Themen die wir genauso verkörpern wollen, wie Leidenschaft, Schönheit und Liebe", erwidert Martin, wie schon so viele seiner musikalischen Kollegen zuvor. "Ich denke, die Musik, die auf 'Liebe und Tod' zu hören ist, könnte man am besten mit romantischen Dark Wave oder verträumten Gothic beschreiben!"

Auch den Vergleich zu den Neo-Romantikern von Illuminate mussten sich Mantus bereits das eine oder andere Mal anhören. "Nun ja, Illuminate ist eine Band deren Aussage ich unterstütze und die Musik mag ich im großen und ganzen auch. Songs wie 'Herr der Welt' oder 'Morendo' haben nun wirklich nichts mit ihnen zu tun. Unsre Musik ist nicht so poppig und besticht mehr durch rockige Elemente und in vielen Stücken ist mehr Tiefe und Dunkelheit. Textlich gibt es große Differenzen und Mantus ist weitaus poetischer als Illuminate; trotz allem verstehe ich es, wenn man uns mit diesem Album mit ihnen vergleicht. An dieser Stelle darf ich kurz eine kleine Prognose stellen und behaupten, dass nach dem neuen Album sicherlich keine mehr auf diese Analogie verweist", beendet Martin seine Erklärung mit einen leicht süffisanten Unterton.

Zwischen den Songs 'Herr der Welt' und 'Esmeralda' entdeckte ich einige frappierende Ähnlichkeiten, so dass die Frage aufkam, ob diese beiden Stücke in irgendeiner speziellen Verbindung zueinander stehen? Martin ergreift das Wort: "Das sich diese beiden Songs so stark ähneln, ist mir auch erst kürzlich aufgefallen. Aber da es textliche Parallelen gibt, sind da anscheinend auch ein paar musikalische. Die Melodie besteht in beiden Songs aus verträumten Synthesizern und der Gesang klingt ähnlich. Textlich handeln beide von der Anbetung eines irdischen Ideals und der göttlichen Schönheit eines weiblichen Geschöpfes. 'Herr der Welt' ist wohl die Dark Wave- und 'Esmeralda' die Gothic Version dieser Gefühle, die ich zum Ausdruck bringen möchte."

Die Gratwanderung zwischen pathosbelastetem Kitsch und lyrischem Anspruch wird für viele deutschsprachige Acts zu einem Spießrutenlauf der besonderen Art, so auch für Mantus. "Ich stehe zu meinen Gefühlen und glaube auch, den passenden Ausdruck dafür gefunden zu haben. Ich lasse mich nicht beeinflussen oder manipulieren was meine intimsten Gedanken angeht und hoffe einfach, daß ich so verstanden werde wie ich es präsentiere. Ich glaube, dass unsere Musik und die Texte von hohem lyrischen Anspruch zeugen, weil sie unser persönlicher und ehrlich gemeinter Ausdruck sind von Dingen, die im Alltag wenig Chancen haben zu überleben und die in Gesprächen oft nicht verstanden oder mißverstanden werden. Jeder Ton und jedes einzelne Wort sind wohlüberlegt und können verantwortet werden. Kitsch ist etwas unpassend überzogenes, wenn aber jemand seine Gefühle wirklich leben will, sollte man dieses aber akzeptieren. In der Szene wird selbst dieses noch als Klischee abgetan und das finde ich sehr schade, denn an leidenschaftlichen Menschen mangelt es doch in unserer Gesellschaft", erwidert Martin meinen Einwurf.

Insgesamt wirkt "Liebe und Tod" als ganzes auf mich noch etwas unausgegoren und noch nicht komplett dem Demostadium entwachsen, was sowohl das Songwriting als auch die Produktion angeht. "Viele Hörer sind mit der Qualität von 'Liebe und Tod' vollauf zufrieden und nur von wenigen Leuten habe ich gehört, das es am Songwriting oder der musikalischen Umsetzung mangelt, jedoch stimme ich zu, dass an einigen Stellen noch etwas geschliffen werden muß, damit unsere Musik im vollen Glanz erstrahlt. Aber ich kann mir diese Kritik dahingehend erklären, daß wir auf diesem Album exakt die Demoversionen wiedergegeben haben und es keine späteren Veränderungen mehr gab", erklärt Martin seinen Standpunkt.

Als Anspieltip für die Clubs soll wohl "Stummes Gebet" auserkoren sein. Ist es denn für Mantus, als eher lyrisches Projekt, wichtig, dass ihre Songs auch in den Clubs und Discotheken gespielt werden? "Es gibt sicherlich einige Songs, die man wunderbar in Clubs spielen könnte" erwidert Martin. "Wir machen tanzbare Stücke, aber auch ruhigere verhaltene Tracks, so dass man für jede Gelegenheit das passende Lied anwenden könnte. Die Songs werden aber nicht nach diesen Vorstellungen geschrieben, ob ein Stück nun clubtauglich ist oder nicht, sondern entstehen einfach aus dem Moment heraus. 'Stummes Gebet' könnte ich mir allerdings gut als Clubhit vorstellen, denn es ist gefühlvoll, aber durch die härteren Gitarren auch sehr tanzbar und eingängig. Bis zu den Aufnahmen zu 'Liebe und Tod' existierte dieses Stück nur als Akustikversion; daran sieht man wohl, das wir nicht auf Tanzbarkeit spekulieren. Davon abgesehen finde ich es sehr schön, wenn Leute zu meiner Musik tanzen, denn es ist eine andere Form, diesen Gefühlen Ausdruck zu bringen."

Bleibt abschließend die Frage nach den Zukunftsplänen des Duos? "Unser Stil wird sich ein wenig verändern; die Gitarren werden lauter und härter und das Wechselspiel des Gesangs kommt häufiger zum Einsatz. Die melancholischen Synths bleiben, jedoch fallen die meisten elektronischen Elemente raus. Wir werden das nächste Album mit Gastmusikern an zwei Gitarren, Bass und Schlagzeug einspielen und der Gesamtsound wird sich noch bedeutend verbessern", verspricht Martin.

Let's wait and see...

Thomas Thyssen - Zillo Musikmagazin